Status quo Sprachtherapie 2012

Unsere Marktforschungsstudie zur Situation und Trends der sprachtherapeutischen Berufsgruppen ermöglicht einen interessanten Einblick in den Alltag von Sprachtherapeuten. Status quo Sprachtherapie thematisiert Fragestellungen die das aktuelle und zukünftige Berufsbild beeinflussen. 

Erwähnenswert ist die gute Qualität der Studie durch die Auswertung der Antworten von 120 Sprachtherapeuten sowie ein neutral konzipierter Fragebogen, der keine Interessen verfolgt, außer unsere Berufsgruppe besser zu verstehen. 

Patienten
Die befragten Sprachtherapeuten sind mit heterogenen, komplexer werdenden Störungsbildern konfrontiert. Besonders übergreifende (S)SES und Mehrsprachigkeit treten in den Fokus, wobei gleichzeitig die Erwartungen an die Therapeutinnen hinsichtlich Therapieerfolg und Flexibilität steigen. Es zeigt sich, dass sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen die Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen den größten Anteil in der therapeutischen Versorgung einnehmen. Die Studie geht zudem explizit ein auf (S)SES und Mehrsprachigkeit und arbeitet Gründe für die steigende Komplexität der Störungsbilder heraus. Spannend ist, dass diese Ergebnisse korrelieren mit einem gefühlten Anstieg des Anspruches an die sprachtherapeutische Intervention, wobei Patienten teilweise weniger Eigeninitiative bei der Festigung von Therapieinhalten zeigen als früher.

Strukturen
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Kritik an der Versorgungssituation durch die Krankenkassen. Insbesondere die Prüfung der ausgestellten Heilmittelverordnungen auf Richtig- und Vollständigkeit wird kritisiert wegen des hohen Zeitaufwands. Außerdem wird vermehrt der Druck der Krankenkassen auf die Ärztinnen angesprochen. Durch die Androhung von Regressforderungen bei Budgetüberschreitungen würden die Ärztinnen dazu neigen weniger Logopädie zu verordnen, auch wenn der Patient diese dringend benötige.

Erwähnenswert ist außerdem die Angst vor einem therapeutischen Überangebot durch die unregulierte Anzahl der Praxisneugründungen. Zudem wird davon berichtet, dass administrative Tätigkeiten zunehmen, während therapeutisches Wissen in der Breite sowie in der Tiefe verlangt wird. Beides sind Ziele die teilweise als gegenläufig beschrieben werden. Insgesamt berichten sie Therapeutinnen von 14 Einzelfaktoren, die sich im Laufe Ihrer Berufsangehörigkeit positiv oder negativ verändert haben. Jeder Faktor für sich verdient besonderes Interesse. Besonders spannend ist jedoch das Gesamtbild und das Zusammenspiel, was ein übergreifendes Verständnis für die Dynamik in der Berufsgruppe erlaubt und beispielsweise für Interessensverbände, Krankenkassen und Berufsinteressierte wertvoll sein kann.

Akademisierung
Das wichtige Thema der universitären Ausbildung in der Sprachtherapie gegenwärtig und wird in einem eigenen Kapitel behandelt. Allgegenwärtig sind die vielen Fragen nach den unklaren Einflusswirkungen auf den Berufsstand sowie auf die Situation der nicht akademisierten Logopädinnen. Die Erwartungen zielen vorwiegend ab auf die Aufwertung des Berufsstands, was explizit als positiv herausgestellt wird. Auf der anderen Seite gibt es Befürchtungen, dass es zu einer Zweiklassengesellschaft kommen könnte, wobei die universitäre Ausbildung zu wenig praxisbezogen sein könnte. 

ICF
Durch die Umsetzung der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) in die Praxis werden psychosozialer Aspekte bei der Therapieplanung berücksichtigt. Diese Entwicklung wird begrüßt. Es besteht jedoch der Wunsch nach mehr Aufklärung und nach einer Verteilung der Kompetenz auf alle beteiligten Berufsgruppen. Eine Befürchtung der Kolleginnen ist, dass der wesentliche Einarbeitungsaufwand bei den Therapeutinnen anfallen könnte und sich bspw. Ärztinnen auf die Kompetenzen der Therapeutinnen verlassen würden.

Evidenzbasierte Therapie
Viele Studienteilehmerinnen sehen in der evidenzbasierten Therapie eine Entwicklung hin zu einer besser kontrollierbaren Therapie. Es wird jedoch befürchtet, dass durch die evidenzbasierte Herangehensweise noch mehr bürokratische Arbeit auf die Praktikerinnen zukommen könnte, welche die Zeit am Patienten reduziere. Zudem wird angemerkt, dass EBP psychosoziale und kommunikative Aspekte nicht berücksichtigt, wobei andere Kriterien (z.B. linguistische Parameter) stark fokussiert werden.

Sie können sich die Studie hier kostenfrei herunterladen: Download